AUSSER SICH – SASHA MARIANNA SALZMANN

Es tat gut, in einem Auto zu sitzen und durch die Stadt gefahren zu werden […] Sie ließ sich auf den Beifahrersitz fallen, zog sich zusammen zu einem Knäuel, nur der Kopf guckte raus, drückte sich gegen das Fenster, und es ging.

Alis Kopf ist voll mit schwarzen Locken, großer Angst und so, so viel Liebe. Auf dem Weg nach Istanbul sucht sie Anton, ihren Zwillingsbruder. Er ist verschwunden, nur eine Postkarte aus der Türkischen Stadt zurücklassend. Sie kommt kaum durch den Zoll, sieht sie doch ihrem Ausweisfoto absolut nicht ähnlich. WAS JETZT: MANN ODER FRAU?

Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein.

Auf der Suche nach ihrem Bruder findet sie stattdessen Sex, Alkohol und Bettwanzen. Vielleicht auch so etwas wie Freunde. Fragezeichen. Und die Lesenden erkennen bald, was Ali wirklich sucht: Ihre eigene Identität.

Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – als ein Er oder als eine Sie?

Unweigerlich kommt sie bei dieser Suche dort an, wo alle Identität verwurzelt ist: Bei der Familie. Ali gibt die Geschichten ihrer Vorfahren wieder, wie sie ihr erzählt wurden, wie sie über Jahrzehnte weitergereicht wurden wie ein Wanderpokal.

Onkel mit rasierten Beinen, die nachts ihre Bäuche in Corsagen und Kleider zwängten, Tanten mit Wasserwelle und schwarzem Lippenstift, die in Anzügen durch die Straßen spazierten. Keine dieser Geschichten hatte je ihren Weg in die Erzählungen von Familie gefunden, aber es musste sie doch gegeben haben, also was war falsch daran, sie sich zu erdenken?

Sasha Marianna Salzmann erzählt von Flucht und Asyl sowie Geschlechterfragen und den Problemen, wie sie in vielen Familien auftauchen mit graziler Wucht, die mich den Atem anhalten ließ. So ist dieser wertvolle Roman keinesfalls einfach nur ein „Pamphlet unserer Generation“ oder „spricht brandaktuelle Fragen an“. Stattdessen erzählt sie von dieser Familie mit all ihren Schicksalsschlägen, als wäre sie „ganz normal“. Und das ist meine Erkenntnis nach der Lektüre: Wenn mehr Autor*innen ganz ohne Aufregung Geschichten von Menschen erzählen, die nicht in die heterosexuelle, weiße, westliche, privilegierte Norm passen, werden sie bald zur Norm werden. Genau so müssen Themen behandelt werden, genau so werden sie zum Nach- und Umdenken anregen.

Dies ist also kein Roman über „Flucht“ oder „Gender“. Kein Zeigefinger drückt in irgendeiner Wunde herum. Es ist die Geschichte der Familie Tschepanow. Von Ali und Anton. Bitte lest sie.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich | Suhrkamp, 2017 | 366 S. | € 22

 

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