Kämpfen – Karl Ove Knausgård. The Struggle is real.

Vorbei, vorbei. Den letzten Band der „Min Kamp“-Reihe von Karl Ove Knausgård habe ich in Südfrankreich zu Ende gelesen. Er begleitete mich eine ganze Weile, da ich mir bewusst vorgenommen hatte, ihn nicht zu schnell zu verschlingen, abgesehen von Arbeit und Klausuren, durch die meine Zeit zum Lesen stark reduziert war. Als mir bewusst wurde, dass ich gerade auf die letzte Seite des 1.200 Seiten fassenden letzten Bandes zusteuerte, verlagerte ich meinen Leseplatz von der Couch auf den Balkon. Mein Herz raste, aber ich nahm mir die Zeit, um mir ein Bier auf- und eine Zigarette anzumachen. Ich las die letzte Seite. Schloss die Augen. Drei Mal Gänsehaut.

Ich war gleichzeitig ruhig und aufgedreht; ein gutes Gefühl, doch direkt darunter lauerte die Angst.

Das autobiographische Romanprojekt von Karl Ove Knausgård hat nun auch für mich ein Ende gefunden. Es begleitete mich über Jahre hinweg und regte mich und viele andere Leser*innen immer wieder zum Nachdenken an. Und nun gibt es einiges, worüber gesprochen werden muss.

Lasst uns reden: Über die Wahl des Titels, der übersetzt ‚Mein Kampf‘ bedeutet und über die Auswahl der Themen. Wir sollten endlich die Frage klären: Warum sollte ich mir das alles antun? Und zwischen all dem „Wer ist dieser Knausgård und was ist das für 1 Narzisst“ sollten wir vor allem Eins nicht vergessen: Die Literatur.

[…] und irgendwo dort, zwischen den ganz besonderen und daher vollkommen umkommunikativen Litaneien des Verrückten, die für alle außer diesem Verrückten sinnlos sind, denn nur er findet sie ungeheuer relevant, und den festen Wendungen und Klischees des Genreromans, die zu Klischees geworden sind, weil alle damit vertraut sind, bewegte sich die Literatur.

Die Erzählweise des Norwegers war für mich nie ein Problem. Im Gegenteil hat mich die entspannte und dennoch ausgefeilte Art, wie er von seinen persönlichsten Erfahrungen und Gedanken erzählt, von Anfang an gekriegt. Selbst die teils ausschweifenden, essayistischen Phasen waren nie langweilig und trocken, sondern interessant, Neugierde-stillend, unterhaltsam oder bewegend. Kämpfen hingegen war auch für mich streckenweise ein Kampf.

Die Welt ist alt, aber einfach, dachte ich, und alles darin ist offen.

Der Roman handelt größtenteils von Knausgårds Erfahrung während der Veröffentlichung des ersten Romans Sterben, in dem der Autor von dem Alkohol-bedingten Verfall seines Vaters berichtet, der schließlich zu dessen Tod führt. In dieser Zeit, zwischen 2008 und 2011, erlebt Knausgård die verschiedensten Reaktionen von den im Roman vorkommenden Personen. Unter anderem die seines Onkels Gunnar, der ihn für seine Ehrlichkeit verurteilt und gleichzeitig der Lüge bezichtigt. Dieser erste Teil des Romans liest sich angenehm und ist besonders für jene interessant, die mit Sterben vertraut sind.

Es war nicht schwierig, gut zu schreiben, aber es war schwierig, das Geschehene in Bewegung zu versetzen, es dazu zu bringen, in ein und derselben Bewegung die Welt zu öffnen und zusammenzuziehen.

Im mittleren Teil wird es jedoch streckenweise ziemlich langatmig, wenn er beispielsweise eine großflächige Analyse eines Gedichts von Paul Celan ausbreitet. Es ging mir hier wie anderen Leser*innen auch: Ich kam nicht richtig rein und zwang mich dazu, nicht gleich einige Seiten zu überspringen. Hier musste ich mir vor Augen halten, dass es okay ist, nicht jeden Satz vollständig nachzuvollziehen und nicht alles zu mögen, was ein mir sehr wichtiger Autor schreibt. So wechselte sich der an Uni-Texte erinnernde Teil schließlich ab mit einem 400-Seiten starken Essay über Adolf Hitler und die beiden Weltkriege. Und hier wird es kritisch.

 

Noch nie habe ich mich jemals mit der Person Adolf Hitler beschäftigt. Im Schulunterricht wird er durch alle erdenklichen Abschreckungsmittel zu Recht als ein abstraktes Monster gezeigt, das allein auf seine schrecklichen Taten reduziert wird. In Kämpfen lesen wir aber Ausschnitte aus Mein Kampf sowie aus Biographien über den Diktator. Wir kommen der Person Hitler dadurch unweigerlich näher, er wird vor unseren Augen zu einem Menschen, der durch verschiedenste Außeneinwirkungen und Charakterzügen zu dem Massenmörder wird, den wir kennen. Knausgård ist dabei ziemlich klar: Wir müssen akzeptieren, dass auch jeder Mörder im Grunde genommen ein Mensch ist. Niemand wird gänzlich böse geboren, das Böse steckt aber in jedem von uns und kann durch unglückliche Fügungen und Schicksalsschläge ausbrechen. Und wenn wir uns das vor Augen halten, können wir genau diesen Vorgang verhindern.

 

Tatsächlich hat mich dieser Abschnitt sehr eingenommen. Ich habe ihn gern gelesen, war daran interessiert, was Hitler als Junge und junger Erwachsener erlebt hat und konnte im Endeffekt nachvollziehen, was Knausgård meint, wenn er sagt, dass die Menschen, die Hitler damals gefolgt sind, keine dummen Idioten waren, die nichts verstanden haben, sondern dass auch sie ein Produkt ihrer Zeit waren. Dass auch uns so etwas heute wieder passieren könnte. Gar nicht so falsch, wenn man an die aktuellen Ereignisse denkt, von denen der Autor 2011 noch nichts wissen konnte.

 

Trotzdem stellt sich mir die Frage: Warum gerade Hitler? Warum vergleicht Knausgård sein Leben mit dem Adolf Hitlers, warum gibt er dieser schrecklichen historischen Gestalt so viel Raum, indem er auch noch sein autobiographisches Romanprojekt nach seinem grausamen Buch benennt? Ich sehe ein, dass Hitler ein geeignetes Analyseobjekt war, da sich beider Männer Biographien zum Teil sehr ähneln und da Hitler nun mal das Böse in Person ist. Doch sollte jede*r beim Lesen seines Essays hinterfragen, ob er*sie in der Lage ist, die Distanz zu erhalten, die man  zu Adolf Hitler einhalten sollte. Oder ob es nicht besser wäre, den abstrakten Massenmörder als genau das im Kopf zu behalten – ohne jegliche Empathie für den Menschen. Denn es gibt eine große Anzahl von Opfern und Widerständler*innen, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient haben, als ihr Mörder.Im letzten Teil des Romans entwickelt sich wieder ein typisch Knausgård’scher Sog, als er von der psychischen Erkrankung seiner Frau Linda erzählt. Sie leidet unter einer bipolaren Störung, die sich nach dem Erscheinen seines ersten Bandes zum ersten Mal in ihrem vollen Ausmaß zeigt. Zu dem Zeitpunkt haben die Beiden bereits drei gemeinsame Kinder und Knausgård erzählt mit aller erdenklichen Wucht, wie er und die Kinder unter Lindas Krankheit leiden und wie sie sich auf deren Alltag auswirkt. Ich habe mich wieder sehr an die vorherigen Bände erinnert gefühlt: Wie mich einfach kein*e andere*r Autor*in so sehr über mich selbst hat nachdenken lassen.

Ja, was heißt es zu schreiben?

Es heißt vor allem, sich selbst zu verlieren oder sein Selbst.

Und deshalb möchte ich all denen, die noch zweifeln, ob sie es wirklich mit diesem Mammut-Projekt aufnehmen sollen, raten: Give it a try. Lasst euch nicht von der hohen Seitenanzahl abschrecken, denn glaubt mir: Ihr werdet am Ende traurig sein, dass es vorbei ist.

Karl Ove Knausgård: Kämpfen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand, 2017. 1.260 Seiten, € 29,00.

 

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