number9dream – David Mitchell. Ein Ausflug.

Japan, Katzen, Skurrile Story – muss da noch jemand an Murakami denken? In diesem Fall handelt es sich aber um David Mitchell, der dem Einen oder der Anderen durch den Roman Cloud Atlas bekannt sein dürfte, und seinen zweiten Roman number9dream, der 2001 in den USA und 2011 in Deutschland bei rororo erschienen ist.
Ich habe das Buch nicht nur deshalb zur Hand genommen, weil der Titel dem großartigen Song #9 dream von John Lennon entlehnt ist, sondern vor allem, weil er mir von einem lieben Freund empfohlen und ausgeliehen wurde. Wie spannend es ist, durch Empfehlungen von Freunden auf Bücher gestoßen zu werden, die man niemals im Leben von selbst gelesen hätte! Zwar bin ich ein großer Coming-of-Age Fan, aber die Themen Cyber Punks, Action und Yakuza-Mafia gehören eigentlich nicht zu meinen bevorzugten Genres.
Im Urlaub habe ich den Roman dann aber doch irgendwie weggehauen und mich jeden Tag darauf gefreut, zu Eiji und seiner abgefahrenen Story zurückzukehren.
Dieser ist 19 Jahre alt und reist von seinem winzigen Heimatort ins rasante Tokyo, um seinen Vater zu suchen. Dort verliebt er sich, trifft absonderliche Gestalten und gerät auf sau dämliche Art und Weise in die Hände der Yakuza, der japanischen Mafia. Die haben natürlich nur ein Ziel: Den harmlosen pubertierenden Jungen auf so schmerzhafte und brutale Art wie möglich umzubringen. So weit, so banal. Bis hierhin ist das Lesen ein einziges Vergnügen mit wenig Tiefe. Doch Eiji hat eine Geschichte zu erzählen. Und macht uns Leser*innen klar, dass hinter jedem bescheuerten Gesicht, das uns über den Weg läuft, ein ganzes Leben steckt. Und das ist tatsächlich der Kern, der number 9 dream so besonders macht: Die Erzählweise. Eiji hat von Beginn des Buches an Tagträume, die die Leserin erstmal von der „Realität“ unterscheiden muss. Später liest sie die Bücher mit, die Eiji liest; und als er auf dem Weg zu seiner alkoholkranken Mutter durch das Land trampt, erfährt er zwischendurch mal eben die Lebensgeschichte eines Truckers, der ihn ein Stück mitnimmt – und die ist auch noch wirklich originell!
Der Vergleich mit Murakami liegt außerdem nahe, auch wenn die Tagträume bei ihm wahrscheinlich Wirklichkeit gewesen wären. Die Themen sind teilweise sehr ähnlich: Sex, Gewalt, Katzen, Tokyo, absonderliche Gestalten. Dennoch kommt Mitchell bei Weitem nicht an die sprachlichen Skills eines Murakami heran. Die Story kann allerdings Einiges. Für den Urlaub also ein hervorragendes Buch. Mein Vorschlag wäre allerdings, es in der Originalsprache zu lesen. Ich kam beim Lesen der Übersetzung nicht umhin, mich immer wieder zu fragen: Wie lautete dieser Satz wohl im Englischen? Und spätestens bei dem Begriff „anbaggern“, das eine zärtliche Annäherung eines Mannes an eine Frau bezeichnen sollte, war ich ein wenig wütend auf den Übersetzer. Weiß jemand, welches Wort im Original benutzt wurde? Ich vermute, es war „to hit on someone“. Ich gebe ja zu, dass es im Deutschen keine besonders elegante Übersetzung dafür gibt, aber „anbaggern“ ist es sicher nicht.

David Mitchell: number9dream. rororo, 2011. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. 537 Seiten. € 12,99.

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