RATTATATAM, MEIN HERZ – FRANZISKA SEYBOLDT

An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte.

Es gibt so einige Sprüche, die Franziska sich schon ihr ganzes Leben immer wieder anhören muss. Einer davon ist „Du musst dir ein dickeres Fell wachsen lassen“. Das prägt ihre Kindheit, ihre Jugend, ihr Erwachsenwerden und sie weiß: Ich bin zu sensibel. Ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen. Ich steigere mich immer in alles hinein. Und bei allem, was sie so erlebt, ist sie in Begleitung: Ihre Feindin, die Angst, sitzt ihr immer im Nacken. Sie führt ihre Gespräche, setzt ihre Grenzen, fällt ihre Entscheidungen.

Und dann klopft sie mit den Knöcheln, rattatatam, auf den Tisch, und mein Herz schlägt im gleichen Takt, rattatatam.

Franziska ist Autorin und Redakteurin, erfolgreich, beliebt. Dennoch fühlt sie sich ständig fehl am Platz, befürchtet, als Hochstaplerin aufzufliegen, die allen etwas vorspielt und eigentlich zu nichts Nutze ist. Denn die Angst sitzt auf ihrer Schulter und sagt die Wahrheit: Du kannst nichts. Du bist dumm. Die anderen sind besser als Du.

„Kann ich die Angst lieben lernen?“

Franziska Seyboldt schreibt in Rattatatatam, Mein Herz ihre eigene Geschichte auf. Ihre Geschichte von der Angst, die sie ihr Leben lang begleitet – und wie sie diese zu akzeptieren gelernt hat. Mithilfe einer Therapie und der Meditation lernt sie, sich nicht mehr mit der Angst zu identifizieren, sie als gegeben hinzunehmen und sich nicht mehr vor der Angst selbst zu fürchten. Und vor allem: achtsam mit sich selbst zu sein.

Niemand hatte mich jemals darum gebeten, seine Probleme zu lösen. Warum tat ich es trotzdem?

Neben der Angststörung stößt Franziska im Laufe ihrer Reise zu sich selbst auf das Thema Hochsensibilität und lernt, mehr Rücksicht auf ihre eigenen Gefühle zu nehmen.

Zudem schien ich intensivere Emotionen zu haben, besonders im sozialen Bereich, und zwar sowohl positive als auch negative wie Scham, Mitgefühl oder Angst.

Welche Diagnose im Endeffekt für Franziska die richtige ist – Angststörung, Hochsensibilität oder irgendwie beides ein bisschen – Rattatatam, Mein Herz birgt enormes Identifikationspotenzial. Es ist kein Sachbuch in dem Sinne, dass es eine Anleitung für die Bekämpfung von Angststörungen wäre. Die gibt es wohl auch gar nicht. Nein, es geht Franziska vor allem darum, dem Thema Aufmerksamkeit zu schenken. Denn indem sie und andere Menschen von ihren Panikattacken erzählen, desto weniger alleingelassen kommen wir Anderen uns vor.

„Meine Haut wird dünn bleiben. Das Einzige, was ich tun konnte, war, sie zu schützen.“

Und das ganze „Stell dich nicht so an, mach dir nicht zu viele Gedanken, Dickeres Fell“-Blablabla – wie gut ich es kenne! Und wie lange ich das Mantra selber in meinem Kopf abgespult habe, um mich damit immer kleiner zu machen.

Franziskas Roman bespricht ein wertvolles, wichtiges Thema, das es verdient hat, dieses wunderschöne Design, tolles Papier und ordentlich Aufmerksamkeit zu bekommen.

Vielen Dank an dieser Stelle an den lieben Kiepenheuer & Witsch Verlag für genau diese Feinfühligkeit. Dass ihr mehreren Blogger*innen ohne Ankündigung ein „richtiges“ Exemplar dieses Buchs in den Briefkasten geschickt habt, zusammen mit einem persönlichen Brief der Lektorin, ist wertschätzend und genau die richtige Marketing Strategie. Von diesem „Leseexemplar“, das nicht als Presse-Taschenbuch-Bums vergeben wird, werden gerne Fotos auf Instagram geteilt. Gerne mehr davon!

Franziska Seyboldt: RATTATATAM, MEIN HERZ. Vom Leben mit der Angst. Kiepenheuer & Witsch, 2017 | 256 S. | € 18

P.S: wer sich für das Thema Hochsensibilität interessiert: Vor Franziska noch hat mich die Autorin und Podcasterion Maria Anna Schwarzberg auf das Thema aufmerksam gemacht, auf deren Buch wir uns freuen können, das 2019 im Rowohlt-Verlag erscheinen wird. Bis dahin empfehle ich wärmstens ihren Podcast Proud To be Sensibelchen!

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