Stoner – John Williams

„My God, to read without joy is stupid“. – J. Williams

Dass Williams ein Buch schreiben wollte, das Vergnügen bereitet, ist in „Stoner“ deutlich spürbar. Das Besondere daran: das Vergnügen schleicht sich schüchtern an die Leser*in heran – läuft Gefahr, übersehen zu werden. Und strahlt dann, einmal entdeckt, in vollem Glanz.

Ein ganzes Leben.

William Stoner wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einer Farm in Missouri auf. Das karge Leben mit seinen Eltern besteht aus harter, körperlicher Arbeit und wenigen Worten. Mit 19 Jahren ermöglicht sein Vater ihm ein Studium am Missouri College, wo er Agrarwissenschaften studieren soll, um anschließend zurückzukehren und der Farm zu mehr Stabilität zu verhelfen. Doch der Plan geht nicht auf: Stoner beginnt sich für die englische Literatur zu interessieren. Ohne es zu forcieren, widmet er seine Studien ganz automatisch der Literatur, lässt die Agrarwissenschaften schleifen – und letztendlich ganz fallen.

The love of literature, of language, of the mystery of the mind and heart showing themselves in the minute, strange, and unexpected combinations of letters and words, in the blackest and coldest print.

Stoner | Stillerlesen

Er kehrt nicht zu seinen Eltern zurück, bleibt am College und lehrt. Er lernt ein stilles, interessantes Mädchen kennen. Und weil Edith ihn bezaubert, macht er ihr einen Antrag. Sie zeigt zwar keinesfalls Zuneigung und hat auch einige Einwände (Sie wollte doch noch so gerne nach Europa!), lässt es jedoch geschehen. Sie heiraten und ziehen zusammen. Er schläft mit ihr, sie lässt es geschehen. Sie bekommen eine Tochter und Edith reist niemals nach Europa. Sie ist unglücklich – und Stoner merkt es kaum, weiß nicht mit ihrer Lethargie umzugehen. Seine Zuneigung widmet er stattdessen aus vollem Herzen der kleinen Tochter Grace, die er einige Jahre lang fast allein großzieht. Doch Edith beginnt, ihr gesamtes Lebensunglück auf Stoner zu projizieren und rächt sich mit hinterhältigen Plänen, die Stoner dauerhaft von seiner Tochter entfremden und die ihn aus dem Familienleben isolieren.

He felt at times that he was a kind of vegetable, and he longed for something – even pain – to pierce him, to bring him alive.

Was will der Typ.

Gleichzeitig fällt Stoner am College reihenweise Entscheidungen, die ihn auch dort zum Außenseiter werden lassen. Er zieht nicht in den Krieg, als die meisten anderen es tun. Nie bewirbt er sich um eine frei gewordene höhere Position innerhalb der Institution. Und er steht für seine Prinzipien ein, obwohl sie ihm seine Stelle und den gesellschaftlichen Stand ruinierend könnten. Das wirft Fragen bei den Studierenden und Dozierenden auf: Warum erwartet er nicht mehr vom Leben? Welches Ziel verfolgt der Typ? Hat er denn wirklich schon genug erlebt und gesehen? Und was soll das, dass er sich nicht für sein verdammtes Vaterland einsetzen will?

Doch William Stoner strahlt eine Bescheidenheit aus, die derart unüblich ist, dass die wenigsten ihn und seine Absichten nachvollziehen können. Seine Aktionen und Aussagen tragen keinerlei Geltungsbedürfnis mit sich herum, scheinen vollkommen für sich zu stehen. Und inmitten all dieser Miseren verliebt sich William Stoner in eine seiner Studentinnen.

It occurred to him that he had never before known the body of another; and it occurred to him further that that was the reason he had always somehow separated the self of another from the body that carried that self around.

Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass Stoner starke Gefühle entwickelt – abseits der Leidenschaft zur Literatur oder der Liebe zu Edith oder seiner Tochter. Diese Beziehung vereinnahmt ihn vollkommen und lässt in ihm einen Schmerz und eine Sehnsucht entstehen, von deren Existenz er vorher nichts ahnte.

The Dying are selfish

Auch diese Beziehung scheitert – dieses Mal an äußeren Einflüssen. So siecht das Leben des William Stoner weiter vor sich hin – bis er eines Tages, kurz vor Pensionsantritt, an den Folgen eines Tumors stirbt.

The dying are selfish, he thought, they want their moments to themselves, like children.

Die Geschichte von William Stoner ist keine Besondere. Der Verlauf seiner Biographie ist fast schon beliebig, mit wenigen Ausnahmen verläuft sie grundsätzlich eher im mittel-warmen Temperaturbereich. Das Besondere – und daher Schöne – an diesem Roman ist, wie John Williams dieses „normale“ Menschenleben zu einer Geschichte über den Sinn des Lebens, die Liebe und die unbedingte Loyalität zur Literatur gemacht hat. Und das auf eine sehr detailreiche, aufmerksame und unaufdringliche Art. So schafft er es, den Lesenden ohne Aufregung  ein stilles Vergnügen zu bereiten.

A sense of his own identity came upon him with a sudden force, and he felt the power of it. He was himself, and he knew what he had been.

John Williams: Stoner: 50th Anniversary Edition. NYRB Classics, 2015. 336 Seiten, $ 19,95.

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