Unorthodox – Deborah Feldman

Deborah Feldman

In ihren Memoiren erzählt Deborah Feldman von ihrem Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde und ihrem Ausbruch daraus. Niemals hatte jemand es gewagt, so ehrlich und direkt von den als heilig getarnten Ungerechtigkeiten innerhalb dieser Gemeinschaft zu berichten.

Die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit

Diese Gemeinde in Williamsburg, New York, nennt sich Satmar, eine Unterkategorie der chassidischen Juden. Sie geht davon aus, dass der Holocaust eine Rache von Gott an den Juden für die Assimilierung war. Seit ihrer Gründung nach dem zweiten Weltkrieg setzt sie alles daran, eine Wiederholung der Bestrafung zu vermeiden. „Es herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit“ (deborahfeldman.de).

In dieser Welt gibt es für ein Gemeindemitglied genau zwei Optionen: Ein guter Jude sein – oder ein schlechter. Und allein die Benutzung oder der Konsum der englischen Sprache, das Tragen der Farbe rot, Make-up, U-Bahn fahren oder ganz zu schweigen von Jeans tragen und Autofahren gilt als Verführung des Teufels. So sind besonders Frauen von diesen Regeln betroffen, denen Bildung vorenthalten wird und deren weibliche Merkmale als unrein und sündig gelten. Sie werden systematisch ihrer Individualität und Eigenmacht beraubt.

I can’t bear the thought of living an entire lifetime on this planet and not getting to do all the things I dream of doing, simply because they aren’t allowed. I don’t think it will ever be enough, this version of freedom, until it is all-inclusive. I don’t think I can be happy unless im totally independent.

If only I could have books all the time

Deborah Feldman erzählt in sehr nüchternen und ungeschonten Worten, wie sie bereits als kleines Mädchen kontrolliert und in ihrer Freiheit beschränkt wird. Jegliche Bildung ist den männlichen Gemeindemitgliedern vorbehalten. Den Verboten zum Trotz liest sie englischsprachige Bücher, wenn niemand im Haus ist. Sie bemerkt Unstimmigkeiten zwischen dem, was in der heiligen Schrift, der Thora, steht und den Regeln ihrer Gemeinde. So beginnt sie, nachzudenken. Und vor allem: Zu lesen. Jane Austen und Roald Dahl zeigen ihr, dass sie nicht die Einzige ist, die sich eingesperrt fühlt und die den Wunsch verspürt, herauszufinden, was die Welt außerhalb ihrer gewohnten Umgebung zu bieten hat.

I feel so extraordinarily happy and free when I read that I’m convinced it could make everything else in my life bearable, if only I could have books all the time.

Unterdrückung des Körpers

Mit 17 Jahren wird Deborah dazu gezwungen, einen gleichaltrigen Jungen zu heiraten. In der Schule, die die Frauen vor ihrer Hochzeit besuchen müssen, lernt sie, eine gute Ehefrau im chassidischen Sinne zu werden.

Diese Schilderungen waren für mich besonders erschreckend. Denn die Regeln, mit denen die Schule sie dort konfrontiert, klangen für mich eher mittelalterlich. Doch Deborah ist kaum älter als ich, auch sie ist in einer westlichen Großstadt in den 90er Jahren aufgewachsen. Während ich Britney Spears hörte und die Teenager bauchfreie T-Shirts trugen, bestrafte die Schulleitung Deborah dafür, unter ihrem Sweater kein T-shirt in der Schule zu tragen. Als ich auf die ersten Partys ging, heiratete Deborah und musste sich eine Glatze rasieren, da lange Frauenhaare als Sünde galten. Als ich zum ersten Mal verliebt war, fand Deborah heraus, dass sie ihren Körper von nun an unter dem Druck der Gemeinde einem fremden Mann frei zur Verfügung stellen musste.

Es waren unter anderem diese Parallelen, die mich in den Bann gezogen haben. Natürlich war mir bewusst, dass eine derartige Unterdrückung der Frau noch an vielen Orten auf der Welt existiert. Ich hätte sie allerdings nicht diesem Kulturrahmen und dieser Zeit zugeordnet. Der hohe Identifizierungsgrad und die beängstigenden Beschreibungen führten dazu, dass ich das Buch verschlang und mich bereits darauf freue, ihren zweiten Roman, Überbitten, zu lesen.

As far back as I can remember, I have always wanted everything from life, everything it can possibly give me. This desire separates me from people who are willing to settle for less. I cannot even comprehend how people’s desires can be small, their ambitions narrow and limited, when the possibilities are so endless.

Deborah Feldman: Unorthodox – The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots. Simon & Schuster, 2012. 272 Seiten, € 9,99

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