Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky

Dieser von vielen Seiten gelobte Roman sollte eigentlich eine ganz normale Urlaubslektüre werden. Was leichtes, nettes. Wer ihn bereits gelesen hat, ahnt, dass ich überrascht wurde.

Schon den ersten Satz markierte ich mir, weil er so viel enthielt:

Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge noch mal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint.

Die nächsten Seiten waren so voller witziger, gut formulierter Sätze, dass ich sie reihenweise meiner Urlaubsbegleitung vorlas. Die Reaktion: „Das klingt ja nach Paul Maar!“ Und tatsächlich erinnerte mich die unglaublich liebenswürdige, aufmerksame Erzählweise an den Autor von Lippels Traum und Das Sams. Das war so gut, dass ich dieses Buch nicht ganz alleine lesen wollte. Also las ich es in meinem Urlaub Abend für Abend einer Freundin vor, um das Erlebnis teilen zu können.

Unser Verstand funktioniert so. Er kann innerhalb kürzester Zeit dafür sorgen, dass die einander abwegigsten Dinge fest zusammengehören. Kaffeekannen und Schnürsenkel beispielsweise, oder Pfandflaschen und Tannenbäume.

Ein Okapi malen. Check.

Luise lebt mit ihrer Großmutter Selma und ihren beschäftigten Eltern in einem kleinen Ort im Westerwald. Aus ihrer Sicht erleben wir, dass Selma, die aussieht wie Rudi Carell, alle paar Jahre von einem Okapi träumt und jedes Mal, wenn das geschieht, stirbt in den nächsten 24 Stunden eine Person aus dem Dorf. Unbekannt bleibt dabei, wen es treffen wird. Die eigentlich kaum abergläubische Dorfbevölkerung gesteht sich das nicht ein, aber als Selma erneut von dem seltsamen, unwahrscheinlichen Tier träumt, geraten alle in Unruhe. Sie sind besonders vorsichtig, teilen ihren Liebsten unausgesprochene Wahrheiten mit und erledigen Dinge, von denen sie überzeugt sind, sie in ihrem Leben unbedingt erledigt haben zu müssen.

Weil einem die Zeit verschwimmt, weil man nicht mehr so genau weiß, was eine vergangene und was eine kommende Nacht ist, wenn man ahnt, dass das Leben gerade umgedreht wird.

Die detailreich beschriebenen Freunde des Mädchens und ihrer Großmutter sind nicht anders als liebenswürdig und kauzig zu beschreiben. Der Optiker beispielsweise, der seit Ewigkeiten in Selma verliebt ist und immer wieder versucht, es ihr in angefangenen, nie abgeschickten Briefen mitzuteilen. Oder Martin, Luises Schulfreund, der den Traum hat, Gewichtheber zu werden, und deswegen alles und jeden so oft es geht hochhebt.

Die erste Hälfte des Romans ist geprägt von der kindlichen Sicht der kleinen Luise, die voller Vertrauen in ihre heile Welt und die Menschen um sich herum, aus vollem Herzen lieben kann. Eine drastische Wendung verändert die Stimmung, bringt Tiefgrund und Existenzgedanken in die Geschichte. Luise wird erwachsen, erlebt Verluste und übernimmt Verantwortung. Sie verliebt sich in einen unerreichbaren Mann und beginnt, sich damit auseinanderzusetzen, wie sie ihr Leben verbringen möchte. So wird die so fröhliche und unschuldige Erzählung nach und nach zu einer Geschichte über das Leben und den Tod – und immer wieder die Liebe.

Den größten Teil des Romans habe ich im Endeffekt doch für mich allein gelesen, da der Urlaub allzu rasch zu Ende war. Dennoch habe ich das Buch von Anfang bis Ende stets genossen. Ich habe geschmunzelt, gegrübelt und hier und da ein Tränchen verdrückt. So kann ich dieses Kleinod uneingeschränkt weiterempfehlen. Denn zarte, bescheidene Geschichten mit fröhlichen und auch traurigen Momenten und Tiefgang, das mag doch wirklich jeder. Oder?

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont Buchverlag, 2017. 320 Seiten, € 20

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.